Zu Fuß lernt man so viel

Von Daniel Kardyb, Doktorand

In Schottland lebt ein Mann namens Tim Ingold. Er ist Professor für Anthropologie. In seinem Bücherregal und auf seinem Schreibtisch stapeln sich Geschichten aus den unterschiedlichsten Regionen und Zeiträumen. Es gibt Berichte von nordfinnischen Stämmen, von Mönchsklöstern aus der Zeit vor der Reformation und aus unserer westlichen Welt. Tim Ingold ist ein Meister darin, Geschichten aus Nah und Fern in einen Zusammenhang zu bringen. Und die Geschichtsfäden, die er so gekonnt auf seiner Tastatur spinnt, lassen unsere ansonsten so heimelige Realität sowohl vertraut als auch fremd wirken.

In die Welt zu leiten

Ein Begriff, der sich immer wieder in seinen Schriften findet, ist Bildung. Oder auf Englisch: „education“. Für Tim Ingold ist Bildung nicht etwas, das nur in Klassenzimmern und an Prüfungstischen stattfindet. Das Phänomen Bildung geht weit über unsere modernen Lehrinstitutionen hinaus. Ingold weist auf zwei unterschiedliche historische Ursprünge des Wortes education hin. Zum einen haben wir das Wort educare, das man als „unterweisen“ übersetzen kann – es bedeutet, Kindern die allgemeinen Gebräuche und allgemeines Wissen zu vermitteln.

Der zweite Ursprung ist der Begriff educere, der sich aus den Wortbestandteilen ex (hinaus) und ducere (führen) zusammensetzt. Die Bildungsaufgabe besteht hier also darin, Kinder hinaus in die Welt zu leiten, anstatt ihnen spezifisches Wissen zu vermitteln. Tim Ingold nennt dies: „den Lernenden buchstäblich zu einem Spaziergang einladen“. Die Absicht ist dabei nicht, etwas Bestimmtes zu lernen, sondern Aufmerksamkeit zu fördern (auf Englisch: attention). Es geht nicht darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern unterwegs ein Erlebnis zu schaffen.

Immer ein Spaziergang

Wenn ich die Schriften von Tim Ingolds lese, muss ich an Naturkraft denken. Wenn er zum Beispiel beschreibt, wie sich das Verständnis des Menschen von sich selbst und seiner Umwelt im Laufe der Zeit verändert hat, finde ich mich gedanklich sofort in den Ausstellungen des Hauptgebäudes wieder. Es ist jedoch insbesondere die Idee, dass ein Spaziergang bildet, die Assoziationen weckt. Denn auf welche Weise man auch immer Naturkraft erlebt: Der Rahmen dafür ist immer ein Spaziergang. Zum Beispiel Familien mit Kindern auf dem Weg vom Eingang zu den Seilbahnen und Rodelhügeln. Oder Erwachsene, die in einer Freundesgruppe zu Fuß gemeinsam die abwechslungsreiche Pflanzenwelt des Parks und den Blick auf die Natur der Westküste erleben. Es gibt natürlich die verschiedensten Arten von Spaziergängen. Manchmal ist das Ziel einfach nur eine Eisdiele. Aber bei Naturkraft ist alles darauf ausgelegt, dass die Besucher beim Spazierengehen ihrer Neugierde folgen können. Was ist das für ein Ort? Wo ist der Wind heute am stärksten? Ist das hier Natur?

Bei Naturkraft muss es nicht unbedingt um Bildung gehen. Aber wenn man bei Naturkraft etwas lernen möchte, dann ist es vielleicht gerade diese Art der Bewegung – der Spaziergang ohne festes Ziel, bei dem man dennoch mit Aufmerksamkeit dabei ist – , die Orten wie diesen ihre besondere Prägung verleiht. Es gibt hier keine in Stein gemeißelten Fakten, nur Geschichten und sinnliche Erlebnisse, die Aspekte von Natur und deren Zusammenhänge zeigen. Es gibt hier keine Prüfungen, die man bestehen muss, damit man wiederkommen darf. Keine Sackgassen. Nur Umwege und Abwege für diejenigen, die sich von dem Erlebnis mitreißen lassen.

Wissen ist notwendig

Der kritische Leser denkt jetzt vielleicht: Und was ist mit Schulbildung? Soll sie durch ziellose Wanderungen in Erlebnisparks und durch wilde, wunderbare Landschaften ersetzt werden? Nein. Mit buchstäblichen Interpretationen muss man natürlich vorsichtig sein. Und dennoch: Tim Ingold würde sicherlich darauf beharren, dass ein Spaziergang etwas leisten kann, mit dem Schule traditionell einige Schwierigkeiten hatte. Bei einem Spaziergang kommt das Erlebnis zuerst und das Wissen danach.  Wissen ist notwendig, aber in einer Welt, die sich ständig verändert, ist ein neugieriger und aufmerksamer Blick vielleicht das wichtigste, um einen sicheren Tritt zu fassen.

PS. Dem neugierigen Leser empfehle ich das Kapitel „The Maze and the Labyrinth” aus dem Buch von Tim Ingold „Psychology and the conduct of everyday life“. Routledge, 2016.

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